Szenarioplanung
Szenarioplanung im Unternehmen: drei Fälle, eine Rangfolge der Stellhebel und ein Rechenbeispiel
Ein Plan mit einer einzigen Zahl je Monat tut so, als wäre die Zukunft bekannt. Szenarioplanung zeigt stattdessen eine Spannbreite und macht sichtbar, welche Annahmen das Ergebnis am stärksten bewegen. Diese Seite erklärt, wie Sie Best, Base und Worst Case sauber definieren, Sensitivitäten nach der Tornado-Logik ordnen und daraus Maßnahmen ableiten.
Stand: 2026-10-22
Szenario, Sensitivität und Prognose: drei verschiedene Fragen
Eine Prognose beantwortet die Frage, was am wahrscheinlichsten eintritt. Ein Szenario beantwortet die Frage, was passiert, wenn eine bestimmte, in sich stimmige Kombination von Entwicklungen eintritt — etwa ein Nachfrageeinbruch bei gleichzeitig steigenden Einkaufspreisen. Eine Sensitivitätsanalyse fragt, wie stark das Ergebnis auf jede einzelne Annahme reagiert, wenn alle anderen unverändert bleiben.
Alle drei gehören zusammen. Der Basisplan ist die Prognose, die Szenarien zeigen die Spannbreite, und die Sensitivitäten erklären, woher diese Spannbreite kommt. Für die Geschäftsleitung ist das mehr als eine Rechenübung: § 1 StaRUG verlangt von den Geschäftsleitern juristischer Personen, Entwicklungen, die den Fortbestand gefährden können, fortlaufend im Blick zu behalten und gegenzusteuern.
Best, Base und Worst Case richtig definieren
- Base Case ist der wahrscheinlichste Verlauf, nicht das Wunschziel. Wer das Ziel als Basis nimmt, hat keinen realistischen Mittelpunkt mehr.
- Worst Case ist ein plausibler schlechter Fall, keine Katastrophe. Er sollte ein Ereignis beschreiben, das in den letzten Jahren in der Branche oder im eigenen Unternehmen tatsächlich vorkam.
- Annahmen gemeinsam verändern: Ein Nachfrageeinbruch geht oft mit Preisdruck einher. Szenarien, die nur eine Zahl ändern, sind Sensitivitäten.
- Jedes Szenario mit einem Namen und einer Beschreibung versehen, etwa „Großkunde reduziert Abnahme um ein Drittel“ statt „Umsatz minus 10 %“.
- Fixkosten bewusst behandeln: Im Worst Case laufen Mieten, Gehälter und Abschreibungen zunächst weiter; Kürzungen sind Maßnahmen, keine Annahmen.
Beispiel: drei Szenarien für eine Produktions-GmbH
Fiktives Unternehmen, Jahreswerte in Euro.
Die Beispiel GmbH plant 40.000 Stück zu 50 € Verkaufspreis bei 25 € Materialkosten je Stück. Personalaufwand 600.000 €, sonstige Aufwendungen 250.000 € und Abschreibungen 50.000 € sind kurzfristig fix. Im Best Case steigt die Menge um 10 %. Im Worst Case sinkt die Menge um 10 %, und der Materialpreis steigt um 1 € auf 26 € je Stück.
| Position | Worst Case | Base Case | Best Case |
|---|---|---|---|
| Absatzmenge | 36.000 Stück | 40.000 Stück | 44.000 Stück |
| Umsatzerlöse | 1.800.000 | 2.000.000 | 2.200.000 |
| Materialaufwand | −936.000 | −1.000.000 | −1.100.000 |
| Personalaufwand | −600.000 | −600.000 | −600.000 |
| Sonstige Aufwendungen | −250.000 | −250.000 | −250.000 |
| Abschreibungen | −50.000 | −50.000 | −50.000 |
| Betriebsergebnis | −36.000 | 100.000 | 200.000 |
Sensitivitäten nach der Tornado-Logik ordnen
Jeder Treiber wird einzeln um 10 % nach oben und unten verändert; alle anderen bleiben auf dem Base Case.
Die Tornado-Logik ist einfach: Für jeden Treiber wird das Ergebnis einmal mit dem höheren und einmal mit dem niedrigeren Wert berechnet. Die Differenz zwischen beiden Ergebnissen ist die Spannweite dieses Treibers. Sortiert man die Treiber nach Spannweite absteigend und zeichnet sie als waagrechte Balken untereinander, entsteht die Form eines Trichters — daher der Name. Oben steht der Stellhebel, auf den es am meisten ankommt.
Im Beispiel ist der Verkaufspreis mit Abstand der stärkste Hebel: 10 % Preis bewegen das Ergebnis um 200.000 €, weil jeder zusätzliche Euro Preis voll durchschlägt. Menge und Materialpreis folgen gleichauf mit je 100.000 €, Personal mit 60.000 €. Die sonstigen Aufwendungen sind mit 25.000 € der schwächste Hebel — für sie lohnt keine feine Planung.
| Treiber | Ergebnis bei −10 % | Ergebnis bei +10 % | Spannweite |
|---|---|---|---|
| Verkaufspreis (50 €) | −100.000 | 300.000 | 400.000 |
| Absatzmenge (40.000 Stück) | 0 | 200.000 | 200.000 |
| Materialpreis (25 €) | 200.000 | 0 | 200.000 |
| Personalaufwand (600.000 €) | 160.000 | 40.000 | 120.000 |
| Sonstige Aufwendungen (250.000 €) | 125.000 | 75.000 | 50.000 |
Kritische Werte: ab wann das Ergebnis kippt
Aus denselben Zahlen lassen sich kritische Werte ablesen. Je Stück bleiben 25 € Deckungsbeitrag; die Fixkosten betragen zusammen 900.000 €. Die Gewinnschwelle liegt damit bei 36.000 Stück — die Menge darf also um höchstens 10 % sinken. Beim Verkaufspreis liegt die Grenze bei 47,50 € (100.000 € Ergebnis geteilt durch 40.000 Stück ergibt 2,50 € Spielraum, also 5 %), beim Materialpreis bei 27,50 € je Stück.
Solche Schwellen sind oft verständlicher als jede Szenariotabelle: „Fällt der Absatz um mehr als 10 %, schreiben wir Verlust“ ist ein Satz, den Vertrieb und Gesellschafter sofort einordnen können. Sie eignen sich außerdem als Frühwarnmarken im monatlichen Plan-Ist-Vergleich.
Vom Szenario zur Maßnahme
- Auslöser festlegen: Welcher beobachtbare Wert zeigt, dass das Worst-Case-Szenario eintritt? Etwa Auftragseingang zwei Monate in Folge unter einem Grenzwert.
- Maßnahmen vorbereiten: Was wird dann getan, in welcher Reihenfolge und mit welcher Ergebniswirkung? Etwa Einstellungsstopp, Verschiebung einer Investition, Preisgespräche.
- Liquidität mitrechnen: Ein Verlust von 36.000 € ist verkraftbar, wenn die Liquidität reicht. Szenarien sollten deshalb auch Bankbestand und Kreditlinie zeigen, nicht nur das Ergebnis.
- Regelmäßig aktualisieren: Szenarien sind keine Jahresübung. Mit jedem Forecast verschieben sich Basis und Spannbreite.
- Berichten: Für Gesellschafter, Beirat oder Bank genügt oft eine Seite mit Spannbreite, den drei stärksten Hebeln und den vorbereiteten Maßnahmen.
So geht es mit finanzplanung.io
- Benannte Treiber-Szenarien, etwa „Materialpreis plus 4 %“, ohne den Basisplan zu verändern
- PDF-Bericht mit Plan, Ist, Abweichung und — falls gespeichert — der Szenario-Spannbreite
- KI-Kommentar für Aufsichtsrat oder Beirat, Management, Bank oder Investoren, erstellt nur aus den Zahlen
- Planstände als Version einfrieren und mit dem aktuellen Stand vergleichen
finanzplanung.io kennt zwei Arten von Szenarien. Die Best- und Worst-Variante entsteht aus dem Basisplan, indem Erträge und Aufwand pauschal mit einem Prozentsatz skaliert werden — das liefert schnell eine erste Spannbreite. Für stimmige Kombinationen wie im Beispiel gibt es benannte Treiber-Szenarien: Sie überschreiben einzelne Annahmen, rechnen auf demselben Monatsmodell wie der Basisplan und werden je Geschäftsjahr mit ihm verglichen.
Häufige Fragen
Was ist Szenarioplanung im Unternehmen?
Szenarioplanung ist das Durchrechnen mehrerer in sich stimmiger Zukunftsbilder neben dem Basisplan, typischerweise Best, Base und Worst Case. Sie zeigt die Spannbreite des möglichen Ergebnisses und der Liquidität. Ziel ist nicht die richtige Vorhersage, sondern Vorbereitung: Für jeden Fall soll klar sein, woran man ihn erkennt und was dann zu tun ist.
Wie viele Szenarien sind sinnvoll?
Für die meisten mittelständischen Unternehmen reichen drei: Base, Best und Worst Case. Dazu kommen bei Bedarf einzelne benannte Szenarien für konkrete Risiken, etwa den Verlust eines Großkunden oder eine Finanzierung, die nicht zustande kommt. Mehr Szenarien erhöhen den Pflegeaufwand, ohne die Entscheidung klarer zu machen.
Was ist der Unterschied zwischen Szenarioanalyse und Sensitivitätsanalyse?
Die Szenarioanalyse verändert mehrere Annahmen gleichzeitig zu einem stimmigen Gesamtbild. Die Sensitivitätsanalyse verändert jeweils nur eine Annahme und hält alle anderen fest. Die Szenarioanalyse zeigt die Spannbreite, die Sensitivitätsanalyse erklärt, welche Annahme diese Spannbreite verursacht.
Was ist ein Tornado-Diagramm?
Ein Tornado-Diagramm stellt die Ergebniswirkung jedes Treibers als waagrechten Balken dar, wenn dieser Treiber um denselben Prozentsatz nach oben und unten verändert wird. Die Balken werden nach Länge sortiert, der längste oben. So sieht man auf einen Blick, auf welche Annahmen es am meisten ankommt.
Welche Szenarioplanung-Software eignet sich für den Mittelstand?
Wichtige Kriterien sind: Szenarien leiten sich aus dem Basisplan ab statt aus Kopien, einzelne Annahmen lassen sich gezielt überschreiben, Ergebnis und Liquidität werden gemeinsam gezeigt, und Ist-Zahlen fließen ohne Handarbeit ein. finanzplanung.io bietet eine Best- und Worst-Variante, die Erträge und Aufwand pauschal mit einem Prozentsatz skaliert, und benannte Treiber-Szenarien, die einzelne Annahmen überschreiben und auf demselben Monatsmodell rechnen. Prüfen Sie bei jeder Software, ob Szenarien nur das Ergebnis oder auch Bilanz und Liquidität zeigen.
Müssen Szenarien Eintrittswahrscheinlichkeiten haben?
Nein, für die Steuerung im Mittelstand ist das meist nicht nötig. Wahrscheinlichkeiten erwecken leicht den Eindruck einer Genauigkeit, die es nicht gibt. Wichtiger ist, dass der Worst Case plausibel ist und dass Auslöser und Maßnahmen festgelegt sind.
Gehört die Szenarioplanung in den Lagebericht?
Nach § 289 Abs. 1 HGB beurteilt und erläutert der Lagebericht die voraussichtliche Entwicklung samt wesentlicher Chancen und Risiken; die Annahmen dahinter sind anzugeben. Eine Szenariotabelle ist dafür nicht vorgeschrieben. Die Szenarioplanung liefert aber das Material für Prognose-, Chancen- und Risikobericht.
Quellen und Rechtsstand
Primärquellen für die zentralen Aussagen dieser Seite. Öffnen Sie im Zweifel immer die aktuelle Fassung.
- § 289 HGB — Abs. 1: voraussichtliche Entwicklung mit wesentlichen Chancen und Risiken beurteilen, Annahmen angeben
- § 1 StaRUG — Fortlaufende Krisenfrüherkennung und Gegenmaßnahmen der Geschäftsleiter
- § 91 AktG — Abs. 2: Überwachungssystem zur Früherkennung bestandsgefährdender Entwicklungen in der AG
- DRS 20 Konzernlagebericht (DRSC) — Prognose-, Chancen- und Risikobericht; Empfehlung zur entsprechenden Anwendung auf den Lagebericht nach § 289 HGB
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